Nele Ströbel

 

Bildhauer in München
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Medusenfloss_von Nomaden und Medusen:

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Blick in die Ausstellung Galerie Pamme-Vogelsang 2018:

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Ansprache zur Ausstellungseröffnung
Nele Ströbel / Medusenfloß – von Nomaden und Medusen

Immer sind es Projekte – oft international – die Nele Ströbel über einen längeren Zeitraum verfolgt und bearbeitet – so auch das Thema „Nomad“, mit dem sich die Künstlerin bereits 1994 im Rahmen einer Ausstellung in der artothek München beschäftigte.

Wir freuen uns heute eine Erweiterung und Verdichtung des Themas zeigen zu können, die zugleich eine Preview für ihre Ausstellung im kommenden Jahr in der Rathaus Galerie in München ist.

Das Thema Nomadentum begleitet die Menschheitsgeschichte von Beginn an und gewinnt in der Gegenwart mit der zunehmenden Ressourcenknappheit immer größerer Bedeutung. Nele Ströbel verbindet das Phänomen mit dem Thema Mobilität im Allgemeinen, die sich nach den vorhandenen Ressourcen richtet, und dem meditativen Pilgern im Speziellen. Im Kontext des meditativen Pilgerns entdeckte die Künstlerin u.a. die Papstschuhe, die sie in dieser Ausstellung mehrfach in verschiedenen Varianten im Linoldruck wiederfinden.

Die Papstschuhe standen 2017 als Protest gegen den Klimawandel mit vielen anderen Schuhpaaren in Paris. Die aktuelle Sicherheitslage hatte eine Demonstration im Rahmen der Klimakonferenz verboten. Als Stellvertreter hatten Menschen aus aller Welt ihre Schuhe geschickt - ein sehr beeindruckendes Bild.

In ihrer Kunst abstrahiert und reduziert die Künstlerin das Bild: „Spuren“ lauten die Titel dieser Arbeiten und man assoziiert mit dem vereinzeltem Paar Schuhe auch die Fußspuren Christi, die in der christlichen Ikonographie des Himmelfahrtstages einen festen Platz eingenommen haben. Sie sehen allein mit dem Bild der Papstschuhe wie komplex die Aussagen der Exponate sind.

„Steps“ lautet der Titel der 16-teilgen Skulptur mit den bearbeiteten Schuhleisten. Aus einer aufgelassenen orthopädischen Werkstatt bekam die Künstlerin in Berlin alle Leisten geschenkt. Diese hat sie wieder zu >gesunden Füßen< zurückgeschnitzt, die Bohrungen mit rotem Wachs verschlossen und zu neuen Gruppen geordnet. 
Hier die negative Kehrseite der globalisierten Welt – dort die spirituelle Perspektive.

Der bekannte Autor und Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer stellt Fragen wie: „Die globalisierte Konsumgesellschaft muss scheitern. Sollten wir daher nicht alles Mögliche tun, uns geistig und emotional auf die Improvisation von Rettungsflößen vorzubereiten?"

Inspiriert von der tragischen Geschichte um `Das Floß der Medusa", des französischen Malers Théodore Géricault, zeigt Schmidbauer seinen Lesern, wie die Gesellschaft heute besser sein kann als die Besatzung der ´Medusa` vor über 200 Jahren. Der Kapitän hatte damals alle Warnungen ignoriert und die Fregatte auf eine Sandbank gesteuert. Dann beanspruchten die Offiziere den viel zu knappen Raum auf den Rettungsbooten und versprachen, den Rest der Passagiere auf einem eilig gezimmerten Floß an Land zu schleppen - und brachen ihr Versprechen. Das Floß war eine Lüge der Mächtigen: Hunger, Kannibalismus und wütende Kämpfe um die verbliebenen Ressourcen führten in die Katastrophe. Wolfgang Schmidbauer zeigt überraschende Parallelen zu unserem eigenen Umgang mit den existenziellen Krisen der Gegenwart - die Passagiere auf dem wackeligen Floß: das sind wir alle.

Die „Medusa“ kennen wir aber auch aus der griechischen Mythologie. Perseus, der die Tochter des Meeresgottes enthauptet hatte und in der Wissenschaft heißen die Medusen Hydren, die in der Stammzellenforschung von Bedeutung sind. Natürlich kennen wir auch die Quallen, über die wir in diesem heißen Sommer besonders geklagt haben, sie übernehmen die so wichtige Frühwarnfunktion für unsere Gewässer.

All diese Assoziationen und Themen stehen in dieser Ausstellung aber nicht eklektisch im Raum. Nele Ströbel weiß die großen komplexen Themen mit ihrem eigenen Künstlerleben zu verbinden – bzw. sie schöpft sie aus ihrem persönlichen Erleben: Ströbel selbst ist im weitesten Sinne „Nomadin“, neben ihren zahlreichen Fernreisen, lebt und arbeitet sie in Berlin und München, was eine besondere Herausforderung für ihre künstlerische Arbeit als Bildhauerin ist. 

Ströbel weitet den Blick aus dem persönlichen Empfinden und Erleben des mobilen Daseins in die Vergangenheit und die gesellschaftspolitische Gegenwart. Sie transformiert ihre Erkenntnisse in autonome Kunstwerke, deren Komplexität neue Assoziationen erlauben und provozieren. Dabei ist der Paradigmenwechsel zwischen privatem und öffentlichem Raum ein Kernthema ihrer multimedialen Installationen.

Die Kunst von Nele Ströbel fordert auf, Dinge, Sachverhalte, Verwerfungen neu zu denken. In ihren Installationen dekonstruiert sie und bringt einzelne Aspekte ordentlich durcheinander. Damit macht sie dem Betrachter Mut, Bekanntes neu zu bedenken und Verwerfungen zu überwinden.

Als Bildhauerin interessiert sich Nele Ströbel wenig für Gattungsgrenzen. Sie versteht ihr künstlerisches Schaffen als ein Handeln im Diesseits, in der Welt vor dem Spiegel und vor dem Bildschirm. Ihre künstlerischen „Aggregatzustände“ entstehen und werden erfahrbar im gegenwärtigen Raum, im Raum des faktisch- politischen Jetzt.

Gudrun Pamme-Vogelsang
Köln, September 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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